Ein Wettbewerb, ein zweiter Preis – und ein Bundesrat, der anders entschied
1895 schrieb der Bund die Neugestaltung des 20-Franken-Goldstücks aus. Das Eidgenössische Finanzdepartement verlangte ein schweizerisches, nationales Motiv: Die Schweiz sollte allegorisch oder historisch-symbolisch dargestellt werden, als Helvetia. Im April 1895 setzte der Bundesrat eine Jury ein, die 21 eingegangene Entwürfe zu beurteilen hatte. Sie tagte im Mai desselben Jahres.
In dieser Jury sassen unter anderem der Maler Albert Anker und der Winterthurer Numismatiker Friedrich Imhoof-Blumer, Konservator des Münzkabinetts. Für den Entwurf des Neuenburger Medailleurs Fritz Ulysse Landry schlug das Gremium nur den zweiten Preis vor – einen ersten wollte es nicht vergeben, weil die Wettbewerbsbedingungen nach seiner Ansicht nicht voll respektiert worden seien. Die Helvetia sei «zu jung, zu individuell, zu schwärmerisch», hiess es; man regte reifere, mütterlichere Gesichtszüge an. Auch die Gebirgskulisse empfand die Jury als zu mächtig.
Landry legte im Herbst 1895 ein überarbeitetes Modell vor. Die Züge wirkten nun etwas reifer, das Haar war in einem Zopf gebändigt, und statt der Rhododendron-Zweige trug die Helvetia einen Kranz aus Edelweiss. Die Jury empfahl den Entwurf zur Ausführung, verlangte aber, der Horizont der Berge im Hintergrund sei herabzusetzen. Den ersten Preis sprach der Bundesrat Landry auf Empfehlung des Finanzdepartements schliesslich doch zu.
Anker blieb dabei bei seiner Ablehnung: Der Kopf sei eine Art heilige Cäcilia, «une figure pastorale». Imhoof-Blumer verteidigte den Entwurf hingegen als bewusste Abkehr von den gewohnten antiken Köpfen, mit denen man Republiken bis dahin dargestellt hatte. Rückblickend gibt ihm die Geschichte recht.
Der Mann hinter dem Modell: Fritz Ulysse Landry
Fritz Ulysse Landry, geboren am 26. September 1842 in Le Locle, gestorben am 7. Januar 1927 in Neuenburg, stammte aus einer bekannten Neuenburger Graveurfamilie. Er lernte beim Kunstmaler Barthélemy Menn an der Ecole des Beaux-Arts in Genf und beim Bildhauer und Medailleur Antoine Bovy in Paris. Ab 1869 unterrichtete er in Neuenburg als Zeichenlehrer. Das Vreneli ist ohne Zweifel sein populärstes Werk.
Was viele nicht wissen: Landry schuf das Modell, aber nicht die Prägestempel. Die Originalstempel für die 10- und 20-Franken-Stücke stammen vom Pariser Medailleur Ernest Paulin Tasset (1839–1919), jene für das 100-Franken-Stück von der Monnaie de Paris. Und sie wurden nicht im eigentlichen Sinn graviert, sondern auf einer Reduktionsmaschine ab Landrys Modell verkleinert – ein Verfahren, das die Revue suisse de numismatique seinerzeit kritisierte.
Die Stirnlocke, die zu frivol war
1897 kam die Münze zur Probeprägung – und ein Magistrat nahm Anstoss an einem Detail: der Stirnlocke. Sie gebe der dargestellten Frau ein frivoles Aussehen, was mit der Würde einer Personifikation der Schweiz nicht vereinbar sei. Bei der definitiven Prägung wurde die Locke deshalb weggelassen.
Vom sogenannten «Stirnlockenvreneli» existieren laut dem damaligen Münzdirektor Paul Adrian lediglich zwölf Exemplare: je eines für die Bundesräte, den Bundeskanzler, die beiden Vizekanzler und für Landry selbst; das zwölfte kam ins eidgenössische Münzkabinett. Wenn Ihnen jemand ein Stirnlockenvreneli anbietet, ist gesunde Skepsis angebracht.
Auch nach der Ausgabe riss die Kritik nicht ab. Die Heimat als Mutter und Schützerin der Kantone dürfe nicht durch ein junges Mädchen dargestellt werden, hiess es; die Helvetia solle zwischen Jugend und gereiftem Alter stehen. Die Berge bekamen ebenfalls ihr Fett weg: Man propagiere damit offiziell den Irrtum, das Schweizervolk bestehe nur aus Hirten und Hoteliers. In der Schweizerischen Numismatischen Rundschau war zu lesen, besser wäre das Land «durch Wilhelm Tell oder durch die Mannen vom Rütli» dargestellt worden. Bei der Bevölkerung dagegen fand die Münze im Gegensatz zur Fachkritik eine sehr gute Aufnahme.
Wer ist Vreneli? Die Frage nach dem Modell
Diese Frage ist die häufigste, die mir zum Vreneli gestellt wird – und ehrlicherweise die, auf die es keine saubere Antwort gibt. Zunächst war sie gar kein Thema. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen zwei Söhne diese Ehre für ihre verstorbenen Mütter in Anspruch: für Françoise Kramer-Egli (1859–1946) aus Neuenburg beziehungsweise für Rosa Tännler aus Gadmen im Oberhasli.
Swissmint bezeichnet die Variante Tännler aufgrund von Aktenhinweisen als glaubhafter. Der einzige zeitgenössische Beleg ist allerdings dünn: Landry schrieb 1895 in einem Brief an Bundesrat Hauser, er habe für seinen überarbeiteten Entwurf einen «type de femme très pur du Hasli» studiert – ohne Namen, ohne Ort, ohne Datum. Auch die Jugendlichkeit der Darstellung spreche für sie. Rosa Tännler stammte aus einer Gastwirtsfamilie in Gadmen im Berner Oberland. Der Überlieferung nach soll ihr Landry im Sommer 1894 auf der Steinalp am Sustenpass begegnet sein und sie gezeichnet haben; diese Erzählung geht auf die lokale Überlieferung im Gadmental zurück und findet in den amtlichen Akten keine Stütze. Sie heiratete 1901 den Zürcher Architekten Gustav Kruck und starb 1946 in Zürich. In Gadmen erinnert heute ein «Goldvreneliweg» an sie.
Und trotzdem: Swissmint hält ausdrücklich fest, dass der Entwurf möglicherweise auch eine Synthese verschiedener Vorlagen bildet. In den bekannten zeitgenössischen Akten wird keine Frau namentlich als Modell genannt, und Landry selbst hat sich nie öffentlich zu seiner Muse geäussert. Ich erzähle die Geschichte darum gerne – aber als Geschichte, nicht als Tatsache.
Warum «Vreneli» nie offiziell war – und älter ist als gedacht
Auf der Münze steht HELVETIA. Nirgends steht Vreneli. Der Name war nie amtlich, und Swissmint hält nüchtern fest: Wie das 20-Franken-Stück zu seinem Kosenamen kam, lässt sich im Nachhinein nicht mehr feststellen. «Vreneli» ist die schweizerdeutsche Verkleinerungsform von Verena – einen Bezug zur heiligen Verena gibt es laut Swissmint ausdrücklich nicht.
Wann der Name aufkam, war lange zu spät angesetzt. Das Merkblatt von Swissmint schreibt, die Bezeichnung habe sich erst vor dem Zweiten Weltkrieg eingebürgert und sei 1943 erstmals gedruckt aufgetaucht. Diese Angabe ist inzwischen überholt. Jonas Emmanuel Flück von der Lugdunum GmbH hat in der Numis-Post 11/2022 einen wesentlich älteren Druckbeleg vorgelegt: In der «Chronik der Stadt Zürich» vom 19. März 1904 ist von 200'000 Zwanzigfrankenstücken die Rede, die dort ohne jede Erklärung als «Vreneli» bezeichnet werden. Weitere Nachweise folgen im «Grütlianer» von 1909 und 1911 sowie im Protokoll des Nationalbank-Direktoriums vom 4. Januar 1912, das vom «Vreneli-Kopf» spricht.
Rund vier Jahrzehnte früher also, und das Detail, das mir daran am besten gefällt: 1904 stand der Name in der Zeitung, ohne dass ihn jemand erklären musste. Ein Kosename, der keine Erklärung mehr braucht, ist zu diesem Zeitpunkt längst geläufig. Die Münze war damals sieben Jahre alt. Das Volk hatte sich also nicht Jahrzehnte Zeit gelassen – es war schnell.
Mir gefällt daran, dass hier einmal nicht die Behörde entschieden hat, sondern die Leute. Ein Gremium fand das Gesicht zu jung und zu schwärmerisch; das Volk fand es so sympathisch, dass es der Münze kurzerhand einen Kosenamen gab – und war damit schneller unterwegs, als die offizielle Darstellung bis heute annimmt. Im italienischen Sprachraum heisst sie übrigens «marengo svizzero» – ein Name mit ganz anderem Ursprung: Nach Napoleons Sieg über die Österreicher bei Marengo (1800) wurden in Turin Goldmünzen zu 20 Franken geprägt. Später übertrug man «marengo» in Italien auf die übrigen nach französischem Münzsystem geprägten 20-Franken- und 20-Lire-Goldmünzen der Lateinischen Münzunion – und damit auch auf das Goldvreneli.
10, 20 und 100 Franken: die drei Stückelungen
Das eigentliche Vreneli ist und bleibt das 20-Franken-Stück. Es wurde von 1897 bis 1949 geprägt, mit einer Gesamtauflage von 58'634'296 Exemplaren (inklusive zwölf Probeprägungen). Das ist der Grund, weshalb es in so vielen Familien noch ein paar Stück gibt.
Das 10-Franken-Vreneli erschien nur von 1911 bis 1922, mit einer Gesamtauflage von 2'650'056 Stück (inklusive 56 Essais). Es hat bewusst eine andere Wertseite als der 20er, und der Grund ist rein prägetechnisch: Bei nur 0,7 mm Rondellendicke lagen die höchsten Stellen des Vrenelikopfs genau gegenüber dem höchsten Reliefpunkt des Wappenkreuzes – eine vollständige Ausprägung wäre nicht möglich gewesen. Landry musste ein Modell mit möglichst wenig Relief in der Mitte schaffen. Diese Wertseite verwendete man später auch für das 100-Franken-Stück.
Das 100-Franken-Vreneli gab es nur ein einziges Mal: 1925, in einer Auflage von 5'000 Stück. Es ist damit die grosse Rarität der Familie. Zum 100-Jahr-Jubiläum hat Swissmint am 1. Juli 2025 eine Sondermünze «100 Jahre 100-Franken Vreneli» in einer Auflage von 2'500 Exemplaren herausgegeben. Im Onlineshop galt die Regel ein Stück pro Person; rund 2'400 Stück standen dort für den freien Verkauf zur Verfügung, während 27 umsatzstarke Münzhändler vorab je drei Exemplare zum gleichen Preis beziehen konnten – ein Vorgehen, das damals zu reden gab. Die Münze entspricht dem Original von 1925 in Gold 0,900 mit 32,258 g und 35 mm Durchmesser, Nennwert 100 Franken, Münzzeichen B; gestaltet hat sie Chiara Principe. Die Helvetia erscheint dort frontal statt im Profil, die Wertseite zeigt die Vreneli-Büste des Originals.
Die technischen Daten in aller Kürze: Alle drei Werte bestehen aus Gold 0,900, also 900/1000 fein; der Rest der Legierung ist bei den normalen Prägungen Kupfer. Das 10-Franken-Stück wiegt 3,226 g bei 19 mm Durchmesser, der 20er 6,452 g bei 21 mm, das 100-Franken-Stück 32,258 g bei 35 mm. Das Feingewicht des 20ers liegt damit bei rund 5,81 Gramm. Das Münzzeichen ist «B» für Bern.
Vom Zahlungsmittel zur Anlagemünze – und das Rätsel «L 1935»
Am 27. September 1936 wertete der Bundesrat den Franken um rund 30 Prozent ab. Die Parität wurde neu auf 190 bis 215 Milligramm Feingold festgesetzt statt der bisherigen 290 mg, und die Nationalbank wurde von der Pflicht enthoben, ihre Noten in Gold einzulösen. Die Goldmünzen wurden dabei nicht ausser Kurs gesetzt, verloren aber faktisch ihren Kurswert: Der Goldwert des 20-Franken-Stücks stieg durch die Abwertung auf rund 28 Franken. Niemand gibt ein Stück für 20 Franken aus, das 28 wert ist. Das Vreneli verschwand aus dem Zahlungsverkehr, bekam den Charakter einer Handelsware und wurde fortan vor allem gehortet.
Ein Jahrgang sorgt bis heute für Fragen: «L 1935». Er ist keine Prägung von 1935, sondern eine rückdatierte Nachkriegsprägung. Von Februar 1945 bis April 1947 prägte man aus Goldbeständen der Nationalbank 20-Franken-Vreneli mit der Jahrzahl 1935 – um auszudrücken, dass sie den nach Münzgesetz von 1931 erforderlichen Feingehalt aufweisen, und um Spekulationen über die Herkunft des Goldes zu vermeiden. Zur Unterscheidung von den echten 1935ern stellte man der Jahrzahl den Buchstaben «L» voran, für Lingot, also Barren. Insgesamt entstanden 20'008'813 Stück mit «L 1935»: 3,5 Millionen im Jahr 1945, 7'108'813 im Jahr 1946 und 9,4 Millionen anfangs 1947. Manche Händlerseiten führen denselben Jahrgang als «1935 LB» – das B ist schlicht das Münzzeichen für Bern; gemeint ist dieselbe Prägung.
Bis anfangs 1947 verwendete man dafür ausschliesslich Goldbarren, die sich bereits vor 1939 im Besitz der Nationalbank befanden. Im Frühjahr 1947 waren diese Vorkriegsbestände erschöpft, und die SNB liess Nachkriegsgold verprägen, unter anderem aus russischen Beständen. Im März 1947 beschloss der Bundesrat, die nicht unumstrittene Nachdatierung aufzuheben; nach dem Washingtoner Abkommen von 1946 erachtete man es als zulässig, auch Gold zu verprägen, das während der Kriegsjahre von der Deutschen Reichsbank übernommen worden war. Mit dem Ablauf des Fiskalnotrechts Ende 1949 wurden die Vreneliprägungen eingestellt.
Nicht jeder Jahrgang ist gleich häufig. Die kleinste reguläre Auflage beim 20er hat 1926, gefolgt von den Jahrgängen 1904, 1905 und 1906 sowie 1935 – alle vier liegen deutlich unter dem Durchschnitt. Am anderen Ende stehen L 1935 mit gut 20 Millionen sowie die späten Jahrgänge 1947 und 1949 mit je rund zehn Millionen Stück. Die genauen Zahlen der einzelnen Jahrgänge lesen Sie am besten in der Prägetabelle von Swissmint nach; ich nenne sie hier bewusst nicht aus dem Gedächtnis. Eine Kuriosität am Rande: 1897 wurden 29 Goldvreneli aus Gondo-Gold geprägt, aus dem einstigen Goldbergwerk im Wallis. Man erkennt sie an der helleren Farbe – die Legierung enthält im Gegensatz zu den normalen Prägungen Silber – sowie an einer kreuzförmigen Kontermarke im Zentrum des Kreuzes auf der Wertseite. Entgegen mancher Rede handelt es sich dabei laut Swissmint nicht um eigentliche Probeabschläge.
Zum Schluss
Aus der Distanz von über hundert Jahren wird die Münze heute anders beurteilt als von der Jury damals. Im Merkblatt von Swissmint heisst es in einem Beitrag des Numismatikers Hans-Markus von Kaenel, das Bildnis der jugendlichen Helvetia hebe sich vorteilhaft von den übrigen damaligen Münzbildern des In- und Auslandes ab; das Vreneli gelte als eine der schönsten modernen Goldmünzen überhaupt. In der Schweiz hat es inzwischen den Charakter einer Anlagemünze. Genau darin liegt für mich der Reiz: eine Münze, die man wegen ihres Materials aufbewahrt, aber wegen ihrer Geschichte gerne in die Hand nimmt. Ich sammle Schweizer Münzen, seit ich zehn Jahre alt bin, und verkaufe seit 2004; das Goldvreneli gehört zu dem, womit ich am häufigsten zu tun habe. Wenn Sie eine Erbschaft, eine alte Schachtel vom Grossvater oder eine ganze Sammlung haben und wissen möchten, was da eigentlich liegt – Jahrgang, Rand, Erhaltung, echtes 1935 oder L 1935 –, schauen wir das in Ruhe zusammen an. Ich bewerte einzelne Münzen ebenso wie ganze Erbsammlungen und Nachlässe und kaufe sie auch an; für die Einordnung nehme ich mir die Zeit, die es braucht. Daniel Zenhäusern, Numismatik Zenhäusern, Rosenbergstrasse 5, 9533 Kirchberg SG.