Warum überhaupt Kürzel — und warum es dafür keine amtliche Norm gibt
Zwei Münzen desselben Jahrgangs, derselben Prägestätte, desselben Metalls können im Wert weit auseinanderliegen. Der Unterschied ist die Erhaltung: wie viel vom ursprünglichen Münzbild noch da ist. Weil man das nicht in jedem Angebotstitel ausformulieren kann, hat sich im Handel eine Kurzschrift eingebürgert. Genau die lesen Sie bei mir.
Vorab eine Ehrlichkeit, die man selten geschrieben findet: Diese Skala ist keine amtliche Norm. Ich habe keine Vorschrift des Bundes und keine Definition der Nationalbank gefunden, die festlegen würde, wo «sehr schön» aufhört und «vorzüglich» beginnt. Swissmint, die Eidgenössische Münzstätte, definiert öffentlich Prägequalitäten — aber keine Erhaltungsgrade-Skala.
Und selbst bei den Prägequalitäten wird es uneinheitlich: Swissmint prägt Sammlermünzen in gehobenen Qualitäten, verwendet die Begriffe aber je nach Produkt unterschiedlich. Gedenkmünzen erscheinen in «polierte Platte» und «unzirkuliert», die Jahres-Kursmünzensätze dagegen in «Polierte Platte» und «Stempelglanz». Wenn schon die offizielle Schweizer Münzstätte unz und stgl nicht deckungsgleich einsetzt, sollte niemand behaupten, die Begriffe seien überall dasselbe. Die Buchstaben ss, vz und stgl sind gewachsene Handelsusanz, nichts weiter.
Dazu kommt ein zweiter Punkt, den ich lieber selbst sage, als dass ihn jemand hinter meinem Rücken denkt: Die Einstufung enthält laut Wikipedia «immer eine subjektive Komponente», weil sie «nicht gemessen werden kann, sondern ‹von Auge› geschätzt werden muss». Gleichzeitig hat sie einen «starken Einfluss auf den Sammlerwert einer Münze». Erhaltung ist also Erfahrungssache — und trotzdem preisbestimmend. Wer damit ehrlich umgeht, sagt Ihnen das vorher.
Die Skala von unten nach oben: von ge bis vz
Das deutsche System, das auch im Schweizer Handel gebräuchlich ist, beginnt weit unten. «ge» steht für «gering erhalten» — praktisch das gesamte Münzbild ist verloren. Darüber liegt «g» für «gut»: Details sind keine mehr sichtbar, bloss noch die Konturen. Dann «sg» für «sehr gut»: trotz starker Abnutzung sind noch einige wenige Details erkennbar. Danach «s» für «schön», wo ein Teil der Details verschwunden ist.
Diese Stufen begegnen Ihnen bei mir selten — und das hat einen Grund, den Wikipedia offen ausspricht: Unterhalb von «schön» werden Münzen nur noch selten gesammelt und deshalb auch nicht mehr sorgfältig unterschieden. Numismatisch wertlos sind solche Stücke nicht. Ein Sammelgebiet sind sie in aller Regel aber auch nicht.
«ss» heisst «sehr schön». Das ist kein Mindeststandard und kein Gütesiegel, sondern schlicht die Stufe, ab der die meisten Sammler zugreifen. Wikipedia beschreibt sie so: «Bei diesen Münzen sind die Umlaufspuren deutlich erkennbar. Die feineren Details sind teilweise abgenutzt.» Die Schweizer Fachseite numis-online.ch formuliert es fast deckungsgleich: «Alle Konturen der Münzen sind noch sichtbar, Abnützungsspuren sind aber zu erkennen.» Eine ss-Münze war im Portemonnaie. Man sieht ihr das an — und das ist völlig in Ordnung.
«vz» steht für «vorzüglich». Solche Münzen «waren nur kurz im Umlauf. Der Prägeglanz ist nur noch in vertieften Stellen vorhanden.» Die Schweizer Quelle ergänzt den entscheidenden Zusatz: Die Reliefpartien «dürfen keine Abnützungsspuren aufweisen». Das ist der Punkt, an dem viele Laien danebengreifen. Nicht die Fläche zählt zuerst, sondern die höchsten Stellen des Reliefs — Wange, Haarschopf, Schulter. Dort reibt sich eine Münze zuerst ab.
Weil die Realität zwischen den Stufen liegt, notiert der Handel Zwischenstufen: «–ss» heisst «fast sehr schön», «ss+» heisst «etwas besser als sehr schön», «ss-vz» heisst «sehr schön bis vorzüglich». Wenn Sie also in einem Titel «ss-vz» lesen, ist das kein Zaudern, sondern Präzision.
stgl, unz und PP — die drei, die am häufigsten verwechselt werden
Hier wird es interessant, denn hier steckt das grösste Missverständnis. «stgl» oder «st» bedeutet «Stempelglanz»: eine Münze «ohne mit blossem Auge sichtbaren Fehler». Wikipedia hängt daran einen Satz, den man ernst nehmen sollte: «In der Praxis gibt es fast keine Münzen, die diesen Erhaltungszustand tatsächlich aufweisen.» Die Schweizer Definition schärft nach — Stempelglanz meint prägefrische Münzen, die nicht im Umlauf waren und «keine Spuren der Massenbehandlung aufweisen».
«unz» heisst dagegen nur «unzirkuliert». Und das ist etwas anderes. Es sind «Münzen aus meist vollautomatischer Produktion, die noch nie im Umlauf waren. Aufgrund des Produktionsprozesses können die Münzen eine Vielzahl von Fehlern aufweisen.» Die Schweizer Fachseite zieht dieselbe Linie: unzirkulierte Münzen waren ebenfalls nie im Umlauf, zeigen aber «nur kleinste Spuren durch die Massenbehandlung».
Das ist der Aha-Punkt dieses Artikels: unz ist nicht stgl. unz sagt aus, wo die Münze war — nämlich nie im Verkehr. Es sagt nicht aus, dass sie fehlerfrei ist. Kleine Kratzer, Sackspuren aus der Abfüllung, Randfehler: alles möglich, alles noch «unzirkuliert». Ich sage das deshalb so deutlich, weil manche Anbieter unz und Stempelglanz praktisch synonym verwenden. Wenn Sie bei einem Angebot — bei mir oder anderswo — unsicher sind, wie das Kürzel gemeint ist: fragen Sie nach. Ein Verkäufer, der sein Handwerk versteht, beantwortet das gerne.
«PP» schliesslich ist streng genommen gar kein Erhaltungsgrad, sondern ein Herstellungsverfahren: «Polierte Platte». Diese Münzen «werden aus polierten Ronden mit speziell polierten Stempeln mehrfach und oft mit höherem Druck geprägt». Swissmint beschreibt den Ablauf im Detail: Während Stempelglanz-Münzen im reduzierten Durchlauf geprägt und die Rondellen «ohne weitere Vorbereitung verprägt» werden, entsteht Polierte Platte «einzeln im Doppelschlag» — die Münzplättchen durchlaufen vorher «das Glühen, Beizen, Polieren, Waschen und fleckenfreie Trocknen», und die Prägestempel werden ebenfalls poliert. Daraus entsteht der typische Kontrast: spiegelnder Grund, mattes Relief.
Wie eigenständig das ist, sieht man an Wikipedia selbst: Dort steht PP bewusst in einer eigenen Tabelle der Herstellungsverfahren — getrennt von den Erhaltungsgraden. Das hat handfeste Folgen. Eine PP-Münze mit Griffspuren heisst im Handel «vz aus PP» oder «PP berührt» und ist dann oft weniger wert als eine gewöhnliche unz-Münze. Eine PP fasst man nicht an, Punkt. Bei Swissmint werden Gold- und Platinmünzen übrigens nur in polierter Platte angeboten.
Warum ein einziger Grad den Preis stark verändert
Erhaltung ist kein Schönheitswettbewerb, sie ist Angebot und Nachfrage. Von einem Jahrgang wurden vielleicht viele Stücke geprägt — aber wie viele haben es ungetragen bis heute geschafft? Fast alle gingen ins Portemonnaie. Deshalb wird die Luft nach oben sehr schnell sehr dünn, und deshalb springt der Preis nicht linear, sondern stufenweise.
Konkrete Grössenordnungen nenne ich nur mit Quelle. Die deutsche Münzhandlung Constantin Coins beziffert den Sprung von ss auf vz bei begehrten Münzen auf das Doppelte bis Dreifache des Preises. Ein Beispiel aus derselben Ecke, von muenzenladen.de: ein preussischer Taler von 1819, der sogenannte Kanonentaler, wird in der Erhaltung s/ss mit rund 60 bis 120 Euro bewertet, dasselbe Stück in vz-st/st mit rund 500 bis 1'000 Euro. Gleiche Münze, gleicher Jahrgang — der Unterschied liegt allein in der Erhaltung. Beide Angaben stammen von Händlerseiten ohne Auktionsbeleg und ohne Datum; ich zitiere sie als Grössenordnung, nicht als Preisliste.
Wenn Sie den Wert alter Schweizer Münzen einschätzen wollen, ist die Erhaltung deshalb fast immer die erste Frage — noch vor dem Jahrgang. International arbeitet man mit der Sheldon-Skala von 1 bis 70, wie sie etwa NGC verwendet: MS (Mint State) 60 bis 70 für prägefrische Münzen, darunter AU 50–58 mit geringer Abnutzung, XF 40–45, VF 20–35, F 12–15, VG 8–10, G 4–6, AG 3, FR 2 und PO 1. Eine saubere Umrechnungstabelle zwischen den deutschen Graden und der Sheldon-Skala habe ich für diesen Artikel nicht primärbelegt gefunden — deshalb rechne ich hier nichts mechanisch um. Wer Ihnen eine Gleichung wie «ss = VF-20» als Gesetz verkauft, vereinfacht.
Der wichtigste Rat überhaupt: Münzen niemals putzen
Wenn Sie aus diesem Text nur einen Satz mitnehmen, dann diesen. Münzen reinigen ist der häufigste, teuerste und unumkehrbarste Fehler, den man mit einer geerbten Sammlung machen kann. Die Absicht ist immer die beste: Man will das Stück «schön herrichten», bevor man es zeigt. Das Ergebnis ist regelmässig ein massiver, dauerhafter Wertverlust.
Das ist keine Händlermeinung, das ist enzyklopädisch belegt. Aufpolierte Münzen entwickeln sogenannten «Katzenglanz» und gelten als «gereinigt» oder «berieben» — das wirkt sich «stark wertmindernd» aus. Der Fachmann erkennt es an feinen Haarlinien, die bei der Bewertung negativ berücksichtigt werden. Die grosse Zertifizierungsstelle NGC geht noch weiter: Münzen mit Oberflächenmängeln erhalten gar keine Zahlennote von 1 bis 70 mehr, sondern nur ein «Details Grading». NGC nennt die unfachmännische und unsachgemässe Reinigung als einen der häufigsten Gründe dafür, dass eine Münze nur noch eine solche Details-Bewertung erhält. Die Mängelkategorie «Cleaning» führt dort Einträge wie IMPROPERLY CLEANED, BRUSHED, BURNISHED, POLISHED, WHIZZED und WIPED.
Der Schweizer Fachhändler Münzwerk in Dietikon sagt es unmissverständlich: «Bitte Münzen und Medaillen niemals reinigen!» Beim Reinigen werde die Oberfläche «nur beschädigt oder sogar komplett zerstört». Und weiter, sinngemäss: Schmutz, Flecken oder Patina verleihen einem Sammelobjekt Individualität und unterstreichen seine Authentizität — die Patina wirkt zugleich als natürliche Konservierung. Sie ist also nicht nur Optik, sie ist Schutzschicht.
Was viele unterschätzen: Patina ist ein Wertfaktor nach oben, nicht nach unten. Der Hamburger Fachhandel formuliert, eine auf natürlichem Weg entstandene Patina könne den Sammlerwert einer Münze in ungeahnte Dimensionen katapultieren; international zahlten Sammler für ein Stück mit prächtiger Patina ein Vielfaches des eigentlichen Katalogwertes. Diese Formulierung stammt von einem Händler, ich zitiere sie deshalb als Tendenz, nicht als Messwert. Aber die Richtung stimmt — und sie ist das genaue Gegenteil dessen, was der Instinkt einem sagt.
Ich formuliere es für meine Kunden so: Sie haben nichts zu gewinnen und alles zu verlieren. Eine ungeputzte Münze kann ich einschätzen. Eine geputzte Münze ist ein Stück mit Geschichte — und einer Narbe, die nie wieder weggeht.
Münzen richtig aufbewahren — der Rest ist Geduld
Wer Münzen aufbewahren will, muss nicht viel tun. Er muss vor allem das Falsche unterlassen. Die numismatische Fachpublikation MünzenWoche empfiehlt: Münzen ausschliesslich am Rand berühren, dazu ein Paar Handschuhe aus Baumwolle und, falls nötig, eine Pinzette mit kunststoffumhüllten Enden, damit keine Kratzer entstehen. Als Lagerort ideal ist «ein Zimmer ohne grössere Temperaturschwankungen und hohe Luftfeuchtigkeit». Münzkapseln mit Schubern gelten als ideale Lösung — sie bieten den besten Einzelschutz vor Berührung und atmosphärischen Einflüssen.
Ein Punkt betrifft besonders geerbte Sammlungen: das alte Zubehör. MünzenWoche warnt, solche Alben seien «noch vor nicht langer Zeit aus billigem PVC» gewesen — «die damals verwendeten Weichmacher griffen allerdings mit der Zeit die meisten Münzmetalle an». Wenn Sie also ein Album aus den Siebzigern oder Achtzigern im Estrich finden, ist der Inhalt möglicherweise wichtiger als der Behälter. Moderne Alben vom Fachhändler sind materialseitig deutlich besser; wer sichergehen will, achtet auf weichmacherfreie Kunststoffe wie Polystyrol oder Acrylglas.
Der Händler BTN Münzen wird konkreter und nennt als ideal eine konstante relative Luftfeuchtigkeit von 40 bis 50 Prozent; über 60 Prozent würden chemische Korrosionsprozesse erheblich beschleunigt. Weichmacherhaltige PVC-Folien seien zu meiden, da ausdünstende Chloride die Oberfläche angreifen können — das Phänomen ist als «Green Slime» bekannt. Verwenden sollte man dieser Quelle zufolge ausschliesslich chemisch inerte Kunststoffe wie Polystyrol (PS) oder Acrylglas (PMMA); vor Kapseln unbekannter Herkunft warnt dieselbe Quelle ausdrücklich. Diese Zahlen stammen von einer Händlerseite; ich gebe sie mit Quelle weiter, weil sie plausibel und praxisnah sind.
Und noch etwas, das Münzwerk zu Recht betont: Originalschachteln nicht auflösen. Etui, Zertifikat und Verpackung gehören zum Stück. Bei Kursmünzensätzen und Gedenkprägungen ist das kein Beiwerk, sondern Teil dessen, was Sie später in der Hand halten. Swissmint prägt die Gedenkmünzen in limitierter Auflage — die technischen Angaben dazu sind auf Anfrage erhältlich, und was am Zertifikat hängt, sollte am Zertifikat bleiben.
Zum Schluss
Die Kürzel sind kein Fachchinesisch zum Abschrecken — sie sind der Versuch, in zwei Buchstaben ehrlich zu sagen, was ein Stück ist. ss, vz, unz: Wer sie liest, liest die halbe Preisgeschichte mit. Und wer weiss, dass Patina Wert ist und ein Putzlappen ihn vernichtet, hat den grössten Fehler bereits vermieden. Ich sammle Schweizer Münzen, seit ich zehn Jahre alt bin, und verkaufe seit 2004 auf Ricardo unter dem Konto Zenhad69. Wenn Sie eine Sammlung oder einen Nachlass geerbt haben und nicht wissen, was Sie da vor sich haben: Lassen Sie die Stücke, wie sie sind, und melden Sie sich. Ich schaue sie mir an und sage Ihnen ehrlich, was dabei ist und was nicht — ohne Eile und ohne Verpflichtung.